Der Offspace Vitrine ist Teil des Yogastudios Hrdayam und befindet sich an der Gerechtigkeitsgasse 77 in Bern. Der Raum wurde im März 2022 von Katrin Sperry als Plattform für ortsspezifische Installationen gegründet. Durch seine besondere Ausgangslage – als gläserner Ausstellungsraum mitten im belebten Stadtraum – ermöglicht die Vitrine zufällige Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst im Alltag.

Seit Oktober 2025 wird der Raum von José Miguel del Pozo und Katrin Sperry ko-kuratiert.

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Aktuell

Tiziana Amico
NUNCA FUI ADOLESCENTE
28. März - 24. Mai 2026
Vernissage: 27. März, 18.30 Uhr

In seiner neuesten Ausprägung entfaltet sich NUNCA FUI ADOLESCENTE, was übersetzt Ich war nie ein Teenager“ bedeutet, als eine verdichtete Konstellation von Begegnungen, die aus Tiziana Amicos langfristiger Zusammenarbeit mit jungen Müttern in Argentinien hervorgegangen sind. Anstatt sich auf die Untersuchung eines Themas zu konzentrieren, verdichtete sich die Reise der Künstlerin fortan zu einem Netzwerk von Begegnungen und Beziehungen zu jungen Frauen, die sie in ihr Leben aufnahmen und ihr eine Welt eröffneten, die weder für sie noch für Aussenstehende vollständig sichtbar war. Und so behandelt die fotografische Arbeit den Aspekt der Mutterschaft mit den dazugehörigen sozialen Bedingungen, die prägen, und aufzeigen, was es heisst, Mutter zu werden, während zugleich der eigene Weg ins Frausein ausgehandelt wird – eine Perspektive, die zentral ist für die künstlerische Praxis von Amico.  

Tiziana Amico hat ihre Wurzeln in Italien und lebt und arbeitet in Zürich. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Fotografie, sozialer Untersuchung und relationalen Praktiken. Mit einem akademischen Hintergrund in Rechtswissenschaften entwickelte sich ihre künstlerische Praxis aus einem frühen Interesse an Fragen der Repräsentation, der Ethik sowie daran, wie Bilder auf gesellschaftliche Narrative einwirken. Ihre Projekte beinhalten meist langfristige Auseinandersetzungen, die aus Begegnungen mit bestimmten Gemeinschaften oder Einzelpersonen hervorgehen. Entgegen dem Verständnis von Fotografie als ein rein beobachtendes Werkzeug, werden Gespräche, gemeinsame Zeit und kollaborative Bildprozesse zu zentralen Elementen der Ausarbeitung von Projekten und ermöglichen den Beteiligten zugleich mitzuwirken und Einfluss darauf zu nehmen, wie sie selbst dargestellt werden. 

Tiziana Amico interessiert sich besonders dafür, Erfahrungen von Frausein, Fürsorge und Identität in Kontexten zu untersuchen, in denen persönliche Lebensverläufe mit umfassenderen sozialen Strukturen zusammentreffen. Das vorliegende Projekt entstand im Jahr 2020 in Argentinien. Dazu meint die Künstlerin: „Bevor ich mit diesem Projekt begann, beschäftigte ich mich bereits mit Fragen rund um Mutterschaft und Care-Arbeit in Lateinamerika, darunter eine frühere Erfahrung, bei der ich Stillpraktiken in Caracas, Venezuela, dokumentierte. Dadurch begann ich mich zunehmend für die Erfahrungen junger Mütter und für die sozialen Bedingungen zu interessieren, die frühe Mutterschaft prägen.“ Argentinien selbst weist eine vergleichsweise hohe Rate an Mutterschaft im Jugendalter auf und Debatten über reproduktive Rechte, Bildung und Zugang zum Gesundheitssystem spielten in den letzten Jahren eine zentrale Rolle im öffentlichen und politischen Leben. So wurden 2022 beispielsweise noch über 47’000 Geburten von Müttern unter 20 Jahren registriert, was zeigt, dass frühe Mutterschaft weiterhin ein wichtiges gesellschaftliches Thema ist. Gleichzeitig nimmt Mutterschaft in der Geschichte und Kultur Argentiniens eine starke symbolische Stellung ein - vom alltäglichen Familienleben bis hin zu kollektiven Formen politischen Widerstands wie der Bewegung der Madres de Plaza de Mayo, die während der Militärdiktatur ab 1977 öffentlich gegen das Verschwinden ihrer Kinder protestierten und damit weltweit Aufmerksamkeit auf Menschenrechtsverletzungen lenkten. 
Mit ihrer forschungsbasierten visuellen Arbeit möchte Amico bewusst andere Stimmen und damit auch alternative Geschichten in den Fokus rücken und diese weiter stärken. So sagt sie: „Die Arbeit wurde in dem Moment bedeutsam, als sie aufhörte, eine Untersuchung über sie zu sein, und zu einem Raum wurde, den wir miteinander teilen. Die wertvollste Verschiebung bestand in dieser Verlagerung: von der Geste des Betrachtens hin zur Verantwortung, eine Beziehung aufrechtzuerhalten.“ 
In der Vitrine selbst präsentiert sich die Untersuchung in der Form eines fotografischen Leporellos: eine Bildsequenz, die sich über den Raum hinweg entfaltet und in ihren Faltungen unterschiedliche Präsenzen erscheinen und wieder verschwinden lässt. In dieser horizontalen Konstellation werden die Beziehungen, die das Projekt tragen, als Fragmente einer gemeinsam verbrachten Zeit sichtbar gemacht. Anstatt eine abgeschlossene Erzählung zu präsentieren, öffnet die Installation eine kleine, aber entscheidende Tür zu einer Welt, die grösstenteils unsichtbar bleibt. Es ist ein Raum, in dem verschiedene Stimmen von ihren Kämpfen erzählen und uns durch sanftes Schmunzeln wie auch mit herausfordernden Blicken vielleicht an den radikalen Akt erinnern, Freude zu bewahren – selbst dort, wo Schwierigkeiten unvermeidlich sind. 

Tiziana Amico und die jungen Mütter, mit denen sie arbeitet, sind Teil eines gemeinsamen Gedächtnisses von Frausein, das jenseits der offiziellen Erzählung entsteht. Diese Jugendlichen sind keine Fussnoten in einem bereits abgeschlossenen (vom männlichen Blick geprägten) Geschichtsbuch, sondern Ausdruck einer Herstory*, die erst noch geschrieben wird. 

*Herstory betont die Geschichten, Perspektiven und Erfahrungen von Frauen oder generell von Gruppen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung oft unterrepräsentiert sind. 

Text (EN): José Miguel del Pozo & Tiziana Amico
Übersetzung: Katrin Sperry
Foto: Karen Amanda Moser

Mit freundlicher Unterstützung: Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Kanton Bern, Stadt Bern, Burgergemeinde Bern, Stiftung Temperatio

Archiv

2022

Jennifer Merlyn Scherler. Imagine being loved by me (03.03.-07.05.)
Kathrin Affentranger. Fruits of Love and Pain (08.05.-02.06.)
Karen Amanda Moser. Potential (03.06.-07.08.)
Tamara Janes. Energetic Devotion (12.08.-18.10.)
Caroline von Gunten. Unlearn to Draw (21.10.-28.11)
Anna-Lisa Schneeberger. ANFANG ENDE ANFANG (02.12.-12.02.2023)

2023

Olivia Abächerli. Your atoms cling on to me 2 (17.02.-10.04.)
Laurina Fässler. 0.225 (14.04.-27.06.)
Sapir Kesem Leary. o.T. (30.06.-10.10.)
Daria Gusberti. How Hard It Is For Trees To Grow Backwards (13.10.-15.12.)
Floyd Grimm & Ruven Stettler. Beyond the Coast (22.12.-23.02.2024)

2024

Felix Stöckle. Chien Plat (01.03.-06.06.)
Lika Nüssli. Loss and Grief (07.06.-04.09.)
Eva Maria Gisler. Utensilien (08.09.-01.12.)
Sereina Steinemann. Aktion (06.12.-23.03.2025)

2025

Jonas Etter. Why is there nothing here when there should be something (29.03.-04.06.)
Linda Meli. Interlude (20.06.-17.08.)
Vinzenz Meyner, E like Wood, S like Fire, W like Metal, N like Water, C like Earth (22.08.-11.11.)
Stirnimann-Stojanovic, – Grüessech, gärn einisch einähaub Meter Büecher und äh haubä Tag ir Wuchä Läsezyt, bitte. (22.11.-15.03.)