Der Offspace Vitrine ist Teil des Yogastudios Hrdayam und befindet sich an der Gerechtigkeitsgasse 77 in Bern. Der Raum wurde im März 2022 von Katrin Sperry als Plattform für ortsspezifische Installationen gegründet. Durch seine besondere Ausgangslage – als gläserner Ausstellungsraum mitten im belebten Stadtraum – ermöglicht die Vitrine zufällige Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst im Alltag.
Seit Oktober 2025 wird der Raum von José Miguel del Pozo und Katrin Sperry ko-kuratiert.
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Aktuell
Alizé Rose-May
Verbindung Gerechtigkeitsgasse/Junkerngasse
6. März - 30. August 2026
Vernissage: 5. März, 18.30 Uhr
Kunstwerk: Meet Me At The Barn, 2026, Stroh, diverses gesammeltes Material, Lesbian Condom (Edition 3/100, May Freigang, 2025)
Da ist der Duft von Stroh. Ein Geruch, der Erinnerungen an Momente im ruralen Raum wachrufen mag. Inmitten der sandsteinernen Altstadt mag das organische Material vorerst irritieren. Vielleicht bleiben wir aber gerade deswegen stehen und wenden uns der Vitrine zu. Nach und nach beginnen wir darin Objekte zu entdecken — teils hinter dem trockenen Getreide verborgen, teils sichtbar sich an die Glaswand anschmiegend. Vielleicht werden wir damit zu Zeug:innen eines Konvoluts unterschiedlicher Archivmaterialien. Vielleicht werden wir in diesem Augenblick gar Teil eines performativen Akts.
In der Vitrine-Installation bringt Alizé Rose-May Objekte verschiedener /Herkunft zusammen: Dinge, die dey begleiten, geschenkt, zufällig gefunden oder gezielt aufgespürt wurden. Gemeinsam bilden sie eine Ansammlung aus persönlichem und erfundenem Archivmaterial – eine Verdichtung von Codes lesbischer Geschichte, queerer Alltagspraktiken und biografischer Spuren.
Aufgrund des Strohs wird das Auffinden, Lesen und Verstehen dieser Codes und Zuschreibungen jedoch erschwert. Die Gegenstände entziehen sich einem schnellen Zugriff und nur genaues Hinsehen führt zu möglichen Entschlüsselungen. Und während die Ansammlung in der Vitrine auch einen Moment der Begegnung darstellt, entsteht zugleich ein Spiel aus Sichtbarkeit und Verbergung – eine Gleichzeitigkeit, die sich auch im Akt des Cruising wiederfinden lässt:
Praktiken des Cruisings[1] basieren auf Annäherung, auf Zögern, auf prüfendem Innehalten. Jede Begegnung beinhaltet die Frage, ob das Gegenüber das Risiko einer Kontaktaufnahme wert ist. Ein Blick, zu früh oder zu eindeutig gesendet, kann Zurückweisung bedeuten. Cruising bewegt sich in einer Zone zwischen Einladung und Unsicherheit. Nicht übereinstimmende Erwartungen erzeugen Spannung, Frustration oder Verschiebung und machen die Bewegungen der Beteiligten sprunghaft und tastend. Um gesehen zu werden, braucht es Hinweise, einen Blick, eine Geste, ein Kleidungsstück. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach Tarnung bestehen – insbesondere vor dem Hintergrund einer Geschichte, in der Homosexualität pathologisiert, kriminalisiert und gesellschaftlich geächtet wurde.
Auf dieser Basis erscheint Cruising nicht nur als sexuelle Praxis, sondern ebenso als soziale und politische Überlebensstrategie und damit als Form der Orientierung, der gegenseitigen Erkennung und der Aneignung öffentlicher Räume. Gerade diese Grau- oder Zwischenzone interessiert Alizé Rose-May und übersetzt sie in Praktiken des Sammelns, Zeigens und Verdeckens. Mit dem szenografischen Arrangement lädt dey somit zur sorgfältigen Untersuchung ein und lässt uns in diesem Kontext selbst zu Akteur:innen eines Cruising-Moments werden.
In der Vorgehensweise verweist Alizé Rose-May auf das Prinzip der „critical fabulation“, ein Begriff, den die Literaturwissenschaftlerin und Kulturtheoretikerin Saidiya Hartman in ihrem Essay Venus in Two Acts (2008) geprägt hat. Hartman beschreibt damit eine Möglichkeit, mit den Leerstellen historischer Archive umzugehen. Dies insbesondere dort, wo Stimmen ausgelöscht, verzerrt oder gar nie dokumentiert wurden. Critical fabulation bedeutet jedoch, diese Lücken nicht einfach hinzunehmen, sondern ihnen mit Imagination, Spekulation und narrativer Rekonstruktion zu begegnen. Auch die Installation in der Vitrine mag den Eindruck vermitteln, als ob die Künstler:in Gegenstände aus dem frisch geschnittenen Strohfeld gesammelt und in die Altstadt transferiert hat: eine fabulative Geschichte einer möglichen, flüchtigen Begegnung.
Das Stroh mitten in der Berner Altstadt mag einen Moment der Verschiebung erzeugen. Assoziationen an ländliche Räume hervorrufend, wirkt es in der belebten Berner Gasse wie ein Fremdkörper. Mit dieser Geste lässt sich auch ein Bezug zu Alizé Rose-Mays eigener Biografie herstellen: Dey wuchs im katholisch geprägten Wallis in einem ruralen Kontext und als Teil einer Arbeiter:innenfamilie mit starkem Bezug zu den Bergen auf. Dieser Hintergrund prägt deren aktuelle künstlerische Recherche wesentlich mit.
Nicht zuletzt verweist Alizé Rose-Mays Arbeit aber auch auf den unmittelbaren urbanen Kontext: Die Stadt aus einer queerlesbischen Perspektive reclaimend, steht die Verbindung zwischen der Gerechtigkeitsgasse und der Junkerngasse hier für alle Ecken, Gassen oder Strassen, die jederzeit zum Cruising-Ort werden können.
[1] die gezielte Suche nach anonymen, spontanen Sexualpartner:innen an öffentlichen Orten.
Text: Katrin Sperry
Mit freundlicher Unterstützung: Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Kanton Bern, Stadt Bern, Burgergemeinde Bern, Stiftung Temperatio
Archiv
2022
Jennifer Merlyn Scherler. Imagine being loved by me (03.03.-07.05.)
Kathrin Affentranger. Fruits of Love and Pain (08.05.-02.06.)
Karen Amanda Moser. Potential (03.06.-07.08.)
Tamara Janes. Energetic Devotion (12.08.-18.10.)
Caroline von Gunten. Unlearn to Draw (21.10.-28.11)
Anna-Lisa Schneeberger. ANFANG ENDE ANFANG (02.12.-12.02.2023)
2023
Olivia Abächerli. Your atoms cling on to me 2 (17.02.-10.04.)
Laurina Fässler. 0.225 (14.04.-27.06.)
Sapir Kesem Leary. o.T. (30.06.-10.10.)
Daria Gusberti. How Hard It Is For Trees To Grow Backwards (13.10.-15.12.)
Floyd Grimm & Ruven Stettler. Beyond the Coast (22.12.-23.02.2024)
2024
Felix Stöckle. Chien Plat (01.03.-06.06.)
Lika Nüssli. Loss and Grief (07.06.-04.09.)
Eva Maria Gisler. Utensilien (08.09.-01.12.)
Sereina Steinemann. Aktion (06.12.-23.03.2025)
2025
Jonas Etter. Why is there nothing here when there should be something (29.03.-04.06.)
Linda Meli. Interlude (20.06.-17.08.)
Vinzenz Meyner, E like Wood, S like Fire, W like Metal, N like Water, C like Earth (22.08.-11.11.)
Stirnimann-Stojanovic, – Grüessech, gärn einisch einähaub Meter Büecher und äh haubä Tag ir Wuchä Läsezyt, bitte. (22.11.-15.03.)
2026
Tiziana Amico. NUNA FUI ADOLESCENTE (28.03.-24.05.)